Hermes Kalamos · Digitale wissenschaftliche Zeitschrift des Instituto Symposium · ISSN 2938-0758

Kritische und analytische Monographie mit Exkursen

Les Russes veulent-ils la guerre ?

Der Krieg als Mittel der Innenpolitik: Eine kritische Lektüre des Essays von Vera Grantseva

Daniel Martín Menjón

ORCID iD: https://orcid.org/0009-0008-4854-3406

Mitbegründer und leitender Forscher, Hermes Kalamos – Digitale wissenschaftliche Zeitschrift des Instituto Symposium

Deutsche Ausgabe · August 2026 · 84 S. · Aus dem Spanischen vom Verfasser übersetzt


Les Russes veulent-ils la guerre ? Un essai d’une Russe en temps de guerre von Vera Grantseva, erschienen bei den Éditions du Cerf am 5. Oktober 2023, nimmt die Frage wieder auf, die der Dichter Jewgeni Jewtuschenko 1961 aufwarf, und formuliert sie sechzig Jahre später von Grund auf neu. Ursprünglich auf Russisch geschrieben und von Sarah Gruszka und Eugène Priadko ins Französische übertragen, wendet sich das Buch aus dem Inneren der intellektuellen Elite Sankt Petersburgs an einen westlichen Leser und namentlich an die intellektuelle Elite Frankreichs. Die vorliegende Monographie unterzieht es einer Prüfung in drei Bewegungen, die auf jedes seiner sechs Kapitel angewandt werden: getreue Rekonstruktion der Argumentation, Dialog mit den Quellen, welche die Autorin selbst heranzieht, und kritischer Kontrapunkt des Kommentators, das Ganze an Primär- und Fachquellen geprüft. Den gesamten Text bestimmt ein stabiles und explizites Zwei-Stimmen-Protokoll – die Darstellung des Essays in indirekter Rede und mit deutlicher verbaler Markierung; der Beitrag des Kommentators stets unter der Überschrift „Kritische Anmerkung“ –, sodass der Leser auf jeder Seite die Rekonstruktion vom Urteil zu unterscheiden vermag.

Die tragende These des Essays lautet, dass der Krieg von 2022 kein Zweck ist, sondern ein Mittel: Das Regime sei aus innenpolitischen Gründen zu ihm gelangt, ohne Bezug zur Frage des ukrainischen Nationalismus – dieser habe nur als Vorwand gedient – und suche seit 2012 einen äußeren Feind; die Konfrontation mit ihm solle den Russen eine hinreichende Erklärung für den Entzug ihrer politischen Rechte und ihr Verharren auf niedrigem Lebensniveau bieten. Aus dieser Matrix gehen sowohl die „Mehrheit des Nicht-Widerstands“, mit der die Autorin die Lesart der massiven Unterstützung zerlegt, als auch das im fünften Kapitel untersuchte Gewicht der sowjetischen Vergangenheit hervor. Derselben Matrix entspringt ebenso die Zurückweisung des kulturellen Determinismus – was wie Apathie aussehe, sei keine Knechtschaft, sondern lassitude, eine historische Müdigkeit –, mit der sich die Autorin, ohne dass der Essay es expliziert, auf die Seite der besten antikulturalistischen Historiographie stellt und in Spannung zu einer der Quellen gerät, die sie heranzieht.

Der zentrale Befund der Konfrontation ist, dass das Werk ihr standhält. Die systematische Prüfung seiner Zahlen an den Primärquellen erbringt ein mehrheitlich günstiges Ergebnis, und das der öffentlichen Meinung gewidmete Kapitel – das mit der „Mehrheit des Nicht-Widerstands“ einen fruchtbaren, der Studie Chronicles entstammenden Begriff in Umlauf bringt – erweist sich als das empirisch am besten verankerte Kapitel des Buches. Die Präzisierungen, welche die vorliegende Studie einführt, betreffen die Zuschreibung, die Metrik oder die Datierung; sie werden verzeichnet, ohne jemals stillschweigend zu ändern, was die Autorin schreibt. Ihr Sinn ist mit aller Klarheit festzuhalten: Die Prüfung entspringt dem wissenschaftlichen Anspruch des vorliegenden Dokuments – das dieses Werk an demselben Maß prüft, an dem es jedes andere Werk prüfen würde – und nicht etwa einem Argwohn gegenüber der Autorin oder gar dem Wunsch, sie zu korrigieren. Der geprüfte Befund, der an die Stelle eines anderen tritt, zeichnet dieselbe Gesellschaft und erweist sich häufig als ebenso erschütternd; wer diese Präzisierungen ins Feld führen wollte, um den Essay zu diskreditieren, läse ihn exakt gegen den Strich seiner Absicht.

Der produktivste Kontrapunkt der Studie ist nicht geopolitischer, sondern begrifflicher Natur. Der „kannibalische Neofeudalismus“, der persönlichste Beitrag der Autorin, ist eine kraftvolle Metapher, die aus der Position der Unterlegenheit mit schärferen akademischen Rahmen rivalisiert: mit der patronalen Politik Henry Hales, dem sistema Alena Ledenevas, dem kompetitiven Autoritarismus von Levitsky und Way und, in russischer Sprache, der Ständegesellschaft Simon Kordonskys – Rahmen, die der Essay nicht aufbietet. Hinzu kommt eine Frage des Perimeters: Der Korpus, kohärent und solide, lässt sowohl den Einwand der realistischen Schule als auch deren feinste akademische Widerlegung beiseite, sodass das Buch nicht mit seinem offensichtlichsten Gegner ins Gespräch tritt. Keine der beiden Grenzen liegt in dem, was das Werk behauptet, sondern in den Gesprächen, die es – aus essayistischer Ökonomie und aus Wahl des Adressaten – nicht zu führen beschloss.

Sieben Exkurse verlängern die Analyse dort, wo eine „Kritische Anmerkung“ nicht ausgereicht hätte: die russische Zivilgesellschaft zwischen Kooptation und Repression, mit ihrer Periodisierung und ihrem regionalen und ethnischen Kontrapunkt; der Bruch des staatlichen Zwangsapparats in vergleichender Reihe, von Petrograd 1917 über London und Liverpool 1919 bis Moskau 2023; die Ethik des Zeugen und die Figur des luziden Individuums, von Tschechow bis zur sowjetischen Strafpsychiatrie; die literarische Genealogie der Macht, die sich von den Ihren nährt, mit Saltykow-Schtschedrin, Gogol und Dostojewski; die literarische Tradition des Krieges und der Lüge samt dem Gedicht, dem das Buch seinen Titel verdankt; die intellektuelle Trajektorie der Autorin, von der soft power zur sharp power; und, ausdrücklich als Kommentar angeboten, die materielle Genealogie, welche die Konvergenz der Symptome zwischen Ost und West auf den Abbau der Mauern der Eindämmung der Ordnung von 1945 zurückführt. Die Studie schließt mit drei Anerkennungen – jener der Methode; jener der Schlagseite, die jeder Sprechort auferlegt und die vom Mut derjenigen nicht zu trennen ist, die sich entschied, laut zu benennen; und jener, die es verbietet, die Konfrontation gegen die Autorin zu wenden – und mit einem Kolophon, das Anna Achmatowa das Wort zurückgibt. Ihr Horizont ist der des kommentierten Werks: ein datierter Forschungsstand zwischen Februar 2022 und 2023, der hier nach dem Maß dessen beurteilt wird, was damals verfügbar und verifizierbar war, nicht dessen, was erst später bekannt werden sollte.


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PDF · 84 Seiten · Deutsch


Schlagwörter

Vera Grantseva; Putinismus; Krieg in der Ukraine; öffentliche Meinung und Präferenzverfälschung; Mehrheit des Nicht-Widerstands; russische Zivilgesellschaft; Neofeudalismus; Elitentheorie; soft power und sharp power; homo sovieticus; Saltykow-Schtschedrin; Gogol; Dostojewski; Achmatowa.

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Martín Menjón, D. (2026). Les Russes veulent-ils la guerre ? Der Krieg als Mittel der Innenpolitik: Eine kritische Lektüre des Essays von Vera Grantseva (Kritische und analytische Monographie mit Exkursen, deutsche Ausgabe). Hermes Kalamos – Digitale wissenschaftliche Zeitschrift des Instituto Symposium. https://www.hermes-kalamos.eu/les-russes-veulent-ils-la-guerre-der-krieg-als-mittel-der-innenpolitik-eine-kritische-lekture-des-essays-von-vera-grantseva

© 2026 Daniel Martín Menjón · Hermes Kalamos · ISSN 2938-0758 · hermes-kalamos.eu

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